Prof. Dr. Jürgen Prestin
Leiter des Institutes für Mathematik an der Universität zu Lübeck und Mitorganisator von Mathematikolympiaden
Lübeck, 31.10.2008
Als Hochschullehrer an einer Technisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät ist man heute stark konfrontiert mit der Frage, wie geeignete Studierende für ein mathematisches, technisches oder naturwissenschaftliches Studium gewonnen werden können und wie sich die Begeisterung für das Fach wecken und vertiefen lässt. Natürlich schaut man dabei auch zurück auf die eigene Entwicklung, wie die Begeisterung für die Mathematik gewachsen ist, wie man dann selber zum Studium der Mathematik fand und was einem über Promotion und Habilitation den Weg zu einer Professur geebnet hat. Für mich liegt die Antwort im Engagement von Mathematiklehrerinnen und -Lehrern, die mich besonders ab Klasse fünf an Knobeleien, logische Denkweise und mathematische Techniken herangeführt haben. Mit Begeisterung habe ich an Arbeitsgemeinschaften und mathematischen Wettbewerben teilgenommen und bin dabei von Lehrern begleitet worden, die mich gefördert und geformt haben und an die ich heute noch mit großem Respekt zurückdenke. Besonders wichtig war mir die Mitarbeit im damaligen "Bezirksklub Junger Mathematiker Neubrandenburg", deren Mitglieder sich mehrmals im Jahr zu mehrtägigen Lehrgängen trafen, aber auch zuhause an Korrespondenzaufgaben tüftelten. Durch diese Betreuung lernte ich Mathematiker der Universität Rostock kennen, die mich vorbildlich unterrichteten, motivierten und mich für ein Mathematikstudium in Rostock warben. Wie selbstverständlich wurde ich dann selbst Mentor im Mathematik-Klub und versuchte, diese Begeisterung für Mathematik an Schülerinnen und Schüler weiterzugeben. Es erfüllt uns Betreuer immer mit großer Freude, wenn man miterlebt, wie aus neugierigen Fünftklässlern hervorragende Mathematikstudierende werden. Zwölf der ehemaligen Mitglieder des Bezirksklubs Neubrandenburg sind inzwischen Professoren für Mathematik an einer Universität und mit einigen von ihnen stehe ich auch heute noch in engem fachlichen Kontakt.
Selber seit 2000 Professor für Mathematik an der Universität zu Lübeck versuche ich hier den Schulen Unterstützung bei der Förderung mathematischer Talente zu geben. Dazu haben wir innerhalb der Schülerakademie der Universität die Lübecker Initiative Mathematik (LIMa) gegründet, aus der heraus wir zusammen mit Lehrern der hiesigen Schulen einen Mathematik-Club ins Leben gerufen haben. Hier fördern wir Schüler von Klasse fünf bis 13, bereiten sie auf Wettbewerbe vor und versuchen auf diesem Wege, eine Stärkung der MINT-Fächer an den Schulen zu erreichen. Höhepunkt für uns in Lübeck ist seit 2005 die jährliche Stadt-Mathematik-Olympiade, bei der Teilnehmer aus zehn Schulen um die Siegerplätze wetteifern und die beste Schule mit dem Pokal der Universität ausgezeichnet wird. Wenn wir dann abends im Beisein der Eltern in einem großen Hörsaal die Siegerehrung vornehmen und die Begeisterung der Schüler und Eltern spüren, ist dies immer wieder ein Ansporn, auf diesem Weg weiterzumachen. In diesem Jahr haben wir erstmals diese Olympiade auf die Klassenstufen drei und vier ausgedehnt und erzielten auf Anhieb großes Interesse mit 78 Teilnehmern aus elf Schulen.
Um diese Aktivitäten zu verstetigen, benötigt man zum einen großzügige Sponsoren, zum anderen den Enthusiasmus der Kolleginnen und Kollegen an den Schulen und an unserem Institut für Mathematik. Eine wichtige Komponente ist hierbei auch die Mitarbeit von Studierenden unseres mathematischen Studiengangs "Computational Life Science", die mit der Leitung von Arbeitsgemeinschaften vielfältige Soft Skills erwerben. Dazu haben wir ein Seminar eingerichtet, in dem ein Hochschul- und ein Gymnasial-Lehrer didaktische Grundkenntnisse vermitteln, die man dann gleich praktisch in der AG anwenden kann.
Um die talentiertesten unserer Schüler in Schleswig-Holstein fördern zu können, haben wir den Verein MaWeSH (Mathematik-Wettbewerbe Schleswig-Holstein) gegründet, der jedes Jahr eine Landes-Mathematik-Olympiade durchführt und mit dessen Hilfe wir im Mai 2009 erstmalig in Schleswig-Holstein in Lübeck die Bundesrunde der Mathematik-Olympiade ausrichten werden.
Um für unsere Wettbewerbe immer wieder spannende Knobelaufgaben vorlegen zu können, arbeite ich mit im Aufgabenausschuss des bundesweiten Mathematik-Olympiaden-Vereins, der jährlich für die vier Runden der Olympiaden und die verschiedenen Klassenstufen die Wettbewerbsaufgaben erstellt. Einen besonderen Höhepunkt werden wir 2009 auch mit der 50. Internationalen Mathematik-Olympiade (IMO) in Bremen erleben. Nach 20 Jahren findet die IMO erstmals wieder in Deutschland statt. Als Chefkoordinator werde ich mitverantwortlich sein für die Vorbereitung der Aufgaben und die Korrektur der Schülerlösungen. Natürlich drückt man wieder die Daumen, dass - wie in Hanoi 2007 oder Madrid 2008 - Schüler aus Schleswig-Holstein, also jene, die wir persönlich langjährig gefördert haben, in der sechsköpfigen deutschen Mannschaft an der IMO teilnehmen.
Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.