Herta Jacobsen
Hamburg
Hamburg, 06.12.2008
Im Hamburger Abendblatt las ich gestern von dem Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und möchte nun durch meine Geschichte die Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung unterstützen.
Mein Name ist Herta Jacobsen. Geboren bin ich am 27.10.1934 in Waldhausen, Kreis Insterburg, Ostpreußen. Ich war das zwölfte und jüngste Kind. Meine Vorfahren waren dem Werben Katharinas der Großen gefolgt und lebten seit einigen Generationen als Deutsche in der Ukraine. Sie waren dort Bauern. 1917 mussten meine Eltern wegen der politischen Verhältnisse in Russland ihre Heimat verlassen. Mit Pferd und Wagen, der Großmutter väterlicherseits, meinen beiden ältesten Geschwistern und wenigen Habseligkeiten flüchteten sie nach Ostpreußen. Kurz nach ihrer Ankunft starben die Großmutter und meine älteste Schwester. Mein Vater fand Arbeit auf den ostpreußischen Gütern. Obwohl meine Mutter zehn weitere Kinder gebar, musste sie während der Ernten auf den Feldern mitarbeiten. Die Arbeit meiner Eltern wurde weitgehend mit Naturalien bezahlt. Seit ich denken kann, mussten wir Kinder zum Unterhalt der Familie beitragen durch Sammeln von Heilkräutern, Beeren und Pilzen, die verkauft werden konnten, und Ähren und Kartoffeln auf den abgeernteten Feldern, von denen wir uns ernährten.
Mein Vater konnte zwar schreiben und lesen, er hatte aber nur selten Zeit dafür. Meine Mutter hatte nur zwei Winter lang am Konfirmandenunterricht teilgenommen, aber keine Schule besucht, war also Analphabetin. Unter der Armut in unserer Familie habe ich von frühester Kindheit an sehr gelitten und in meinen Kindheitsträumen nach Auswegen gesucht. Mit etwa acht Jahren war mir klar, dass ich wohl vergeblich auf einen Märchenprinzen warte und selbst etwas unternehmen muss. Ich fing an, meine Eltern zu bedrängen, mich nach Insterburg auf die Oberschule zu schicken.
Das Kriegsende und die Flucht im Januar 1945 brachten andere Probleme. Von unserer großen Familie waren nur noch meine Mutter, zwei Brüder und ich zusammen unterwegs nach Westen. Im April 1946 wurden wir für einige Jahre in Westerhever im Kreis Eiderstedt sesshaft. Dort besuchte ich zusammen mit vielen anderen Flüchtlingskindern eine zweiklassige Volksschule, die es heute nicht mehr gibt.
Im Frühjahr 1947 kam eines Morgens unser Lehrer mit dem Brief eines Herrn Dr. Rasch in die Klasse und fragte, wer von den Flüchtlingskindern ein Gymnasium besuchen möchte. Dr. Rasch plane ein Internat speziell für Flüchtlingskinder zu gründen, und wer in so ein Internat möchte, solle sich melden. Mein Finger war sofort oben. Doch nun ging der Kampf mit meinem Vater, der wieder zu uns gestoßen war, los. Von seinen sechs Töchtern war nur ich übrig geblieben. Es war einerseits verständlich, dass er mich nun nicht ziehen lassen wollte, aber ich hatte meinen Traum von einem Weg aus der Armut nicht aufgegeben. Mein Lehrer überzeugte meinen Vater schließlich mit dem Argument, dass mir das, was ich gelernt hätte, kein Krieg und keine Flucht wegnehmen könnten.
Von Juni 1947 bis März 1956 lebte ich im Bugenhagen-Internat in Timmendorfer Strand und besuchte dort das Ostseegymnasium. Nach dem Abitur studierte ich in Hamburg Biologie, Geografie, Pädagogik und Philosophie. Meine Philosophieprüfung bei Professor Carl-Friedrich von Weizsäcker gehört zu meinen unvergesslichen Erlebnissen.
Nach dem ersten Staatsexamen für das höhere Lehramt heiratete ich im Februar 1962, bekam zwei Söhne und eine Tochter und wollte eine gute Ehefrau und Mutter werden. Im Herbst 1966 wurde mein Mann berufsunfähig krank. Am 1.10.1967 begann ich mit meinem Referendariat am Charlotte-Paulsen-Gymnasium in Hamburg Wandsbek. Dort unterrichtete ich bis zu den Sommerferien 1990 Biologie und Geografie hauptsächlich in der Oberstufe. Ich hoffe, dass ich eine gute Lehrerin war.
Die Rente, die mein Mann nach nur zwölf Jahren Berufstätigkeit bekam, reichte nicht einmal für seinen eigenen Lebensunterhalt, so dass unsere Familie auf mein Gehalt als Oberstudienrätin angewiesen war. Wir konnten in einem eigenen Haus in einem Hamburger Vorort leben, unsere Kinder konnten Abitur machen, die beiden Söhne haben studiert, der jüngere hat promoviert. Vor wenigen Tagen hat mein Mann seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert. Wir freuen uns über neun Enkelkinder, sind bis auf kleine Wehwehchen gesund und leben trotz des Euro ein erfülltes Leben in bescheidenem Wohlstand.
Wenn ich an meine Kindheit denke, kommt mir mein heutiges Leben auch ohne einen Märchenprinzen wie ein Märchen vor! Ich bin jeden Tag dankbar, dass ich so viel lernen durfte!
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