Gespräch mit Ulrich Khuon
Intendant des Hamburger Thalia Theaters
Hamburg, 01.12.2008
Herr Khuon, Sie leiten eines der erfolgreichsten Theater im deutschsprachigen Raum, das Thalia Theater. Muss ein Theater, eine Kultureinrichtung, auf die Ergebnisse der Pisa-Studien der letzten Jahre reagieren?
Ich finde schon, dass es den Theatern nicht egal sein darf, was in den Schulen los ist. Unsere Beziehung zu Schulen besteht aber nicht erst, seitdem die Schule und ihre Defizite öffentlich diskutiert werden. Viele Theater haben seit Jahrzehnten theaterpädagogische Abteilungen, die engen Kontakt zu den Schulen in der Stadt pflegen und gemeinsam mit den Lehrerinnen und Lehrern kontinuierlich im Bereich der ästhetischen Bildung arbeiten.
Wie sieht diese Zusammenarbeit konkret aus?
Es gibt zum Beispiel TuSch, Theater und Schule: Im Rahmen dieses, auch von der Schulbehörde unterstützten Projekts arbeiten wir besonders eng mit einer Partnerschule in der Stadt zusammen. Unsere Theaterpädagogen und -pädagoginnen stellen den Lehrerinnen und Lehrern Informationsmappen zu Stücken, die wir auf dem Spielplan haben, zur Verfügung. Wir arbeiten mit diesen dann gemeinsam konkrete Unterrichtseinheiten aus und begleiten mit Spielangeboten für die Schülerinnen und Schüler die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer. Unsere Dramaturgen bieten Einführungen in die Inszenierung für die Klassen an, die eine Vorstellung besuchen und arbeiten in Nachgesprächen das Gesehene auf und es werden Informationen zu Berufen am Theater vermittelt. Also wir bieten auf unterschiedlichsten Ebenen ein vielfältiges Angebot für Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler an.
Außerdem veranstalten wir die Grundschultage: Hier zeigen Schülerinnen und Schüler der ersten vier Schulklassen Stücke, die sie im Unterricht erarbeitet haben. Die Kraft des Theaters entwickelt sich ja nicht allein aus dem Zuschauen, Lesen, Nachdenken und Diskutieren, sondern zuallererst aus dem eigenen Spiel. Das Theater hat neben jeder anderen Form der Vermittlung und des Gesprächs die zusätzliche Chance, ernsthaft, spielerisch leicht und gleichzeitig sinnlich zu sein. Wenn wir uns als Zuschauer auf das direkte Spiel der Kinder einlassen, gibt es einen ganzen Kosmos zu entdecken, und wir können Geschichten und Themen kennen lernen, die die jungen Schülerinnen und Schüler bewegen. Wir erfahren von ihnen nicht nur neue Sichtweisen auf eigene und fremde Welten, sondern auch wie unterschiedlichste Darstellungs- und Spielformen erprobt werden. Dabei lernen wir von den Kindern, wie sie spielerisch lernen und wie sie Erlerntes für die Bühne übersetzen und uns näherbringen. Wir erfahren, was sie bewegt, wie sie die Welt sehen und wie sie ihre Sicht dieser Welt auf dem Theater umsetzen.
Da gibt es auch für uns professionelle Theatermacher viel zu entdecken.
Wie war das in Ihrer Schulzeit? War der Schüler Ulrich Khuon auch schon vom Theater fasziniert?
Ich bin als Schüler viel und gerne ins Theater gegangen. Mrožeks 'Tango', Anouilhs 'Armer Bitos' und Max Frischs 'Don Juan oder die Liebe zur Geometrie' haben mich damals besonders fasziniert. Während meiner Studienjahre in Freiburg wuchs meine Begeisterung. Mit Freunden habe ich dort eine Studenten-Theatergruppe ins Leben gerufen. Jeder war aktiv am Gelingen der Produktion beteiligt. Dies erfordert bei allen Beteiligten ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen, Kreativität und sozialer Kompetenz, damit am Ende ein fertiges Stück präsentiert werden kann. Berührungsängste müssen ab- und Toleranz und Verständnis aufgebaut werden. In dieser Zeit des Theaterspielens habe ich sehr viel über das gelernt, was wesentlich ist für ein Zusammenleben. Ich konnte Erfahrungen sammeln, die für meine heutige Arbeit als Intendant besonders wertvoll sind.
Sollen denn Kulturinstitute, wie z. B. Theater, die Lücken füllen, die sich in den Schulen auftun?
Nein. Das wollen und können die Theater gar nicht leisten. Aber neben der fachbezogenen Wissensvermittlung kann ästhetische Erziehung bei der Erlernung von sozialer Kompetenz einen wesentlichen Beitrag leisten. Es ist doch wichtig, dass wir den Schülerinnen und Schülern auf vielen Ebenen und in den unterschiedlichsten Bereichen ein reiches Bildungsangebot machen und ihnen die Möglichkeit geben, sich mit ihren vielfältigen Möglichkeiten einzubringen und erfolgreich zu sein. Mir liegt Erziehung und Bildung sehr am Herzen. Immerhin wird die Zukunft unserer Gesellschaft von unseren Kindern geprägt werden. Hierauf sollten wir sie so gut wie möglich und so vielseitig wie möglich vorbereiten. Und an dieser Stelle können auch wir als Kultureinrichtungen das unsere beitragen.
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