Vom Schlosser zum Professor oder: Deutschland, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Prof. Dr. D. Hannemann

Gelsenkirchen

Gelsenkirchen, 07.01.2009

Foto: Prof. Dr. D. HannemannMit 15 verließ ich die Schule und suchte eine Lehrstelle. Es herrschte Lehrstellenmangel! Meine Wunschlehrstelle als Chemielaborant habe ich nicht bekommen, deshalb nahm ich eine Lehrstelle als Maschinenschlosser in einer Fabrik an: Feilen, bohren, sägen war angesagt. Auch am Amboss stand ich und habe Eisen geschmiedet oder es zusammengeschweißt.
Meine Hobbys waren basteln und lesen, vor allem Sciencefictionromane. Aber auch populärwissenschaftliche Bücher hatten es mir angetan und so habe ich - als mein Ausbilder mir eine Strafarbeit aufgebrummt hatte - ihm eine Abhandlung über die Lichtgeschwindigkeit und die Unmöglichkeit, diese zu übersteigen, abgeliefert: Was mich zum Exoten stempelte! In meinen Träumen erfand ich Raumschiffe und neue Antriebsmethoden. So war es sicher nicht verwunderlich, dass ich neben meiner Lehre zur Abendschule ging und die Fachhochschulreife erwarb.

Nach meiner Lehrzeit und dem Erwerb des Facharbeiterbriefes arbeitete ich noch ein Jahr in der Fabrik und ging dann zur Ingenieurschule (Fachhochschule). Ich studierte Kernverfahrenstechnik, d. h. wie man Kernkraftwerke konstruiert und mit radioaktiven Stoffen umgeht. Als Abschlussarbeit konstruierte ich ein Raketentriebwerk mit Kernreaktor. Beim Studienabschluss absolvierte ich noch eine Sonderprüfung, durch die ich die allgemeine Hochschulreife zuerkannt bekommen habe. Somit konnte ich sofort an einer Universität weiterstudieren.

Doch mich zog es in die Praxis und was lag näher, als in der Raumfahrtindustrie eine Stelle als Projektingenieur anzunehmen, und zwar für nukleare Antriebe und Energieversorgungseinrichtungen. Dort habe ich viel gelernt und mein erstes Patent erworben (Isotopenbatterie). Doch die Mitarbeiter mit Universitätsabschluss taten manchmal so, als ob sie etwas Besseres wären, obwohl ich ihnen gelegentlich etwas vormachen konnte. Außerdem merkte ich, dass die Physik - als Mutter aller Wissenschaften - mich sehr anzog und deshalb hielt ich Ausschau nach einem Studienplatz für Physik.

Inzwischen war ich verheiratet und hatte einen Sohn. Meine Frau war seit der Geburt nicht mehr berufstätig - so wie ich das gern wollte, damit meine Kinder ein gutes Zuhause haben. Wie sollte man da ein Studium finanzieren? Die Rettung war ein Stipendium von einer Stiftung sowie Erwerbsarbeit in den Semesterferien und während des Studiums. Außerdem gab es damals schon den Vorläufer des heutigen BAföG, genannt "Honnefer Modell".
Nach zwei Jahren Arbeit in der Raumfahrt ging es dann zur Universität und ich begann ein Physikstudium vom ersten Semester an - eine Anerkennung von Leistungen aus dem ersten Studium gab es nicht. In den Semesterferien und auch während des Semesters arbeitete ich für meinen vorherigen Arbeitgeber an Themen, die zu meinem bisherigen Aufgabengebiet gehörten.
Nach vier Semestern machte ich mein Vordiplom, wir bekamen unser zweites Kind - eine Tochter - und ich wechselte zu einer anderen Universität. Dort gab es einen "Bereich Extraterrestrische Physik", an dem ich als Studentische Hilfskraft arbeitete und auch meine Diplomarbeit schrieb. Im Rahmen der Diplomarbeit nahm ich an einer Expedition nach Lappland teil. Dort wurden Höhenforschungsraketen geschossen und mit dem von mir entwickelten Polarimeter beobachtete ich die Ausbreitung künstlicher leuchtender Gaswolken in 230 km Höhe. Nach acht Semestern schloss ich mein Physikstudium ab und bekam eine Anstellung an dem Lehrstuhl, an dem ich mein Diplom gemacht hatte. Nun ging es uns finanziell besser.

Mit den von mir entwickelten Messgeräten nahm ich dann noch an einem Forschungsprojekt in den USA in Zusammenarbeit mit der NASA teil.
Im "Bereich Extraterrestrische Physik" wurde ein neues Forschungsprojekt gestartet und daraus entwickelte sich ein Thema für meine Promotion "Polarisationsmessung gestreuter solarer Strahlung". Drei Jahre nach meinem Diplom wurde ich zum Doktor der Naturwissenschaften promoviert.
Ausgehend von meinen Arbeiten zur Finanzierung meines Studiums habe ich diese Tätigkeiten auch auf andere Gebiete ausgedehnt und später als Nebentätigkeit fortgeführt: Entwicklungen für die Meerestechnik unter dem Einsatz radioaktiver Isotope sowie später dann vor allem Entwicklungsarbeiten im Bereich digitaler Elektronik und von Mikroprozessoren.

Nach der Promotion habe ich mich nach Professuren umgesehen. An einer Fachhochschule wurde ich zum Professor für Physik und Informatik berufen. Schon während der Promotion und bei den Nebentätigkeiten hatte ich viel Erfahrungen mit der Datenerfassung und -verarbeitung sammeln können: auf Hard- und Software-Ebene. Deshalb gründete ich den Bereich Mikrocomputertechnik, schrieb Bücher dazu, betreute sehr viele Diplomarbeiten und entwickelte für Firmen Mikrocomputersteuerungen.
Eine neue Hochschule (Typ: FH) sollte gegründet werden. Ich wurde Gründungs-Prorektor und habe zusammen mit dem Gründungsrektor und dem Kanzler die Hochschule, mit zwei zusätzlichen Abteilungen in anderen Städten, für insgesamt 5.000 Studierende innerhalb von fünf Jahren aufgebaut (Finanzvolumen 630 Mio. DM). Ein Jahr nach der Neugründung wurde ich noch Gründungsdekan des Fachbereichs Informatik mit 17 Professuren.

Fünf Jahre nach der Gründung des Fachbereichs mit zwei Studiengängen wählte man mich zum Bundesvorsitzenden des Fachbereichstages Informatik, dem Zusammenschluss der Dekane der Informatikfachbereiche der Fachhochschulen in Deutschland. Im selben Jahr startete auch das größte Entwicklungsprojekt für Online-Studiengänge (Finanzvolumen 43 Mio. DM) an deutschen Hochschulen, dessen stellv. Projektleiter ich wurde. Inzwischen gibt es vier derartige Studiengänge, die von sechs Hochschulen im Verbund angeboten werden (http://www.oncampus.de/).

Etwa ein Jahr später begann in Deutschland die Umstrukturierung der Hochschulstudiengänge an Universitäten und Fachhochschulen, der sog. Bologna-Prozess. Alle neuen Studiengänge müssen sich akkreditieren lassen, um die Qualität zu sichern. An der Gründung und dem Aufbau der größten Akkreditierungsagentur sowie der Festlegung der Akkreditierungskriterien war ich beteiligt. Auch habe ich ca. 45 Studiengänge mit akkreditiert.
Zur besseren Koordination der mit dieser Entwicklung im Zusammenhang stehenden Probleme wurde der Dachverband aller Fachbereichstage "Konferenz der Fachbereichstage" gegründet - ich gehörte zum Gründungsvorstand. Diese Vereinigung vertritt alle Studiengänge an deutschen Fachhochschulen.
An der Weiterentwicklung der Online-Studiengänge der Informatik arbeite ich weiterhin. Diese stellen eine gute Möglichkeit dar, wie man auch neben dem Beruf einen Studienabschluss erreichen kann: Selbststudium über das Internet mit gelegentlichen Treffen an einer Hochschule an Wochenenden.

Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.

Aus dem Buch der Bildungsrepublik