"Man lernt nie aus" - ein altes internationales Sprichwort

Michael Beitman-Korchagin

Gründer und künstlerischer Leiter des Theaters "Mechaje"

Rostock, 09.01.2009

Foto: Michael Beitman-KorchaginEs ist ein altes Sprichwort, dessen Bedeutung einfach und klar ist: So alt, wie man auch sein mag, und so viel man auch zu wissen vermag, man sollte immer neues Wissen anstreben. Es gibt natürlich reichlich Menschen, die stolz behaupten: "Ich weiß alles!" Das ist ihr gutes Recht und sie können auch sehr alt werden, was ja im Grunde genommen keine schlechte Sache ist.

Die kleine Stadt Tscherniwzi oder Czernowitz, wie sie vor dem Zweiten Weltkrieg hieß, war schon immer durch ihre ausgeprägte musikalisch-theatralische Kultur berühmt. Gern kamen Künstler mit weltberühmten Namen hierher, um auf den Bühnen dieser Kulturoase in der Westukraine aufzutreten. Josef Schmidt oder Enrico Caruso waren in Tscherniwzi auf Tournee und hatten großen Erfolg beim damals recht strengen Publikum. Die weltberühmten Dichter Paul Celan und Rose Ausländer haben den Namen dieser Stadt in der Weltliteratur verewigt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Vorliebe zur Kultur in dieser Stadt nicht verloren gegangen. Besonders rasch entwickelte sich eine Vielzahl von Theatern. Damals wurde auch das professionelle Jüdische Theater gegründet, wahrscheinlich das erste Jüdische Theater in der ehemaligen Sowjetunion. Unzählige Theaterstudios für Kinder öffneten ihre Türen. In ein solches Theaterstudio bin auch ich gegangen, um die Theaterkunst zu erlernen. Ich war sieben Jahre alt: Der Anfang meiner allgemeinen Schulbildung fiel mit dem Anfang meiner künstlerischen Ausbildung zusammen.

Im Theaterstudio gehörten zur Ausbildung eines jungen Schauspielers solche Fächer wie Bühnensprache und Theatergeschichte. So wuchs auch in der Schule mein Interesse zuerst für den Sprach- und Literaturunterricht und später auch für Geschichte. Durch den schwierigen, verknoteten Pfad des Geschichtsunterrichtes führte uns eine Lehrerin, die die Schüler unter sich "die eiserne Frieda" nannten. Wenn sie den Klassenraum betrat, herrschte Totenstille, die höchstens durch das leise Summen einer Fliege gestört wurde. Augenblicklich und sofort mussten alle Gegenstände von den Schülertischen verschwinden, vor allem die Lehrbücher. Die Hände der Schüler hatten aufeinander gelegt still auf dem Tisch zu liegen. Diese Position symbolisierte die Bereitschaft der Schüler, bedingungslos ihrem Lehrer-Instruktor zu folgen.

Der Theaterunterricht beeinflusste meine Beziehung zu bestimmten Schulfächern. Die erfahrene, strenge Profi-Lehrerin beeinflusste meinen gesamten späteren Bildungsweg, ja sogar meinen künstlerischen Weg im Allgemeinen. Damals habe ich begriffen, dass Bildung und Wissen ernst zu nehmen sind und zusammen mit Professionalismus unbedingte Bausteine zum Erfolg sind.

Die Hochschule, in der ich meine berufliche Ausbildung fortgesetzt habe, war wegen ihrer Dozenten berühmt. Das waren Profis und richtig begabte Menschen. Der verdiente Künstler der Ukraine, Wladimir Skljarenko, ein Schüler des hervorragenden Regisseurs Les Kurbas, sagte uns Studenten der Regiefakultät: "Man kann die Theaterkunst nicht lehren, man kann sie nur erlernen!" Ich bin fest davon überzeugt, dass in der Ausbildung und in der Arbeit alles von dir selbst und von deinem Wunsch zu lernen abhängt. Das habe ich mein Leben lang beibehalten und das hat mir geholfen, hier in Deutschland professionell zu arbeiten und mich dadurch zu verwirklichen.

Das Jüdische Theater "Mechaje", das ich zusammen mit meiner Frau hier in Deutschland gegründet habe, ist eine logische Fortsetzung unserer Berufsausbildung. Ich absolvierte zunächst drei Monate eine Fortbildung und ein anschließendes Praktikum an der Hochschule für Musik und Theater Rostock, das von der Otto-Benecke-Stiftung gefördert wurde und zweifelsohne einen großen Beitrag zu meinem "Bildungssparschwein" geleistet hat.

Und das Theater? Das Theater bedeutet immer Lernen. Nur im Unterschied zum Leben ist das immer ein Lernen mit abschließender Prüfung. Denn jede Aufführung bedeutet nicht nur eine Prüfung für das Theater, sondern auch eine Prüfung für mich persönlich als Regisseur und künstlerischer Leiter.

Für einen Künstler hat dieses weise Sprichwort, das ich schon erwähnt habe, eine ewige wichtige Bedeutung. Für mich ist das Leben kein Theater, sondern das Leben ist ein ewiges Lernen beim Leben, um das Erlernte auf der Bühne darzustellen.

Ich wünsche allen bis ins hohe Alter zu leben, sich dabei einen hellen Verstand zu bewahren, der immer offen bleibt - für Seine Hoheit DAS WISSEN.

Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.

Aus dem Buch der Bildungsrepublik