Chris Schlennstedt
Absolvent des Sondershäuser Bildungsverein e. V.
Sondershausen, 19.01.2009
Ich war, so denke ich heute, ein Kind bzw. Jugendlicher, wie viele andere.
In der achten Klasse erkrankte ich schwer. Die Folge war ein längerer Krankenhausaufenthalt. Ich verpasste zu viel Unterrichtsstoff und hatte kaum noch eine Chance, ihn aufzuholen. Die Folge war, dass ich erst einmal die Hauptschule schaffen sollte. Ich lernte nach meiner Rückkehr aus dem Krankenhaus so gut ich konnte. Ich hatte noch lange mit den Folgen meiner Erkrankung zu kämpfen, wollte das den anderen aber nicht zeigen. Cool sein war eben alles im Leben. Eine Einstellung, die einen nicht weiter bringt.
Aber ich wollte die Hauptschule erfolgreich beenden. ich schaffte alle Prüfungen und erhielt einen qualifizierten Hauptschulabschluss!
Dann begann ich eine Ausbildung. Mein Wunsch stand schon eine ganze Weile fest: Koch. Während der Ausbildung lernte ich meine heutige Frau kennen, wir bekamen zusammen ein Kind und die Verantwortung, die ich auch übernehmen wollte, stieg. Ich wollte es und ich dachte, ich schaffe das auch.
Nach zwei Jahren Ausbildung als Koch erkrankte ich wieder. Zudem wurde festgestellt, dass meine Wirbelsäule den Anforderungen eines Kochs im wahrsten Sinn des Wortes nicht standhalten konnte. Die Ausbildung musste ich auf Anraten der Ärzte beenden. Da stand ich nun. Wie sollte es weiter gehen? Meine Euphorie war verflogen. Ich suchte Perspektiven: beim Arbeitsamt und meinen Berufsberater - aber es passierte nichts. Die Lösung sollte eine Berufsfindung in einer Einrichtung, 150 km entfernt von meinem Heimatort Nordhausen, sein. Drei Monate war ich nur am Wochenende bei meiner Freundin und meinem Kind. Wir nahmen die räumliche Trennung auf uns und am Ende stand fest: Ich sollte eine Ausbildung im Büro machen.
Zurück in Nordhausen stand die Ausbildungsstelle schnell fest: Der Sondershäuser Bildungsverein e.V.. Alle waren nett. Meine Ausbilderin hat sich für die Auszubildenden eingesetzt. Sie erkannte schnell, dass meine Leistungen über eine Bürokraft hinausgehen. Ich steckte mir das Ziel, danach weiter zu lernen, um Bürokaufmann zu werden. Unterstützung bekam ich von allen Seiten. Meine Ausbilderin erinnerte mich wie auch die Sozialpädagogin in regelmäßigen Abständen, dass ich mein Ziel nicht aus den Augen verlieren solle. Nach drei Jahren stellte ich mich erfolgreich der Abschlussprüfung. Am Ende stand es fest: ich hatte 95 Prozent im Gesamtdurchschnitt erreicht und war Bürokraft.
Schon Monate vor dem Abschluss bewarb ich mich nicht wie alle anderen um einen Job, sondern um eine Ausbildung als Bürokaufmann. Mit dem Abschluss als Bürokraft erhielt ich durch die Berufsschule die Anerkennung des Realschulabschlusses. Das war die Voraussetzung. Der Beruf als Bürokraft sollte mir eigentlich die ganze Suche erleichtern. Aber ich traf auf Skepsis und Zurückhaltung und erhielt viele Absagen.
Das Ausbildungsjahr hatte begonnen und mir lief die Zeit davon. Doch dann erhielt ich eine Chance: Eine junge Frau teilte mir mit, dass ich einen Termin für ein Vorstellungsgespräch hätte. Das Vorstellungsgespräch war aber alles andere als einfach. Der Betriebsleiter und der Marketing-Chef saßen mir gegenüber und stellten Fragen wie in einem Kreuzverhör. Doch ich nutzte meine Chance und erhielt einen Ausbildungsplatz zum Bürokaufmann.
Aufgrund meines Abschlusses als Bürokraft wurde die Ausbildung auf zwei Jahre verkürzt. Ich hatte Verantwortung und durfte kreativ sein bei der Suche von Lösungen von Problemen. Alles war, wie ich es mir vorstellte. Alles, obwohl ich Azubi war. Eineinhalb Jahre vergingen, ich lernte in der Schule und viel im Betrieb. Aber auch dieses Mal hatte das Schicksal einen anderen Weg vorgesehen: Nachdem ich alle schriftlichen Prüfungen absolviert hatte, passierte es!
Ich fühlte mich schon einige Tage nicht gut. Tag für Tag fiel mir alles schwerer. Schließlich hatte ich sehr starke Kopfschmerzen und konnte kaum noch laufen. Ich wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Ein Arzt teilte mir mit, dass ich vermutlich einen Schlaganfall gehabt hätte. Am Tag der mündlichen Prüfung war ich im Krankenhaus, so dass ich die Prüfung nicht absolvieren konnte. Lange danach hatte ich beim Laufen die Geschwindigkeit einer Schildkröte, sah dabei auch so aus und konnte einfachste Worte nicht mehr sagen. Da war er wieder weg, der Mut. Das zweite Mal in meinem Leben musste ich mir die Frage stellen: Wie geht es jetzt weiter? Für die Reha-Maßnahme an der Grenze von Thüringen zu Bayern musste ich mich ein weiteres Mal von meiner Frau und den Kindern trennen. Wir hatten ein zweites Kind bekommen, das gerade ein Jahr alt war.
Nach der Rehabilitation machte ich die mündliche Prüfung: Ich zog mein Thema und besann mich auf meine Schulzeit: reden soviel wie nur geht. Es passte, ich erhielt 95 Prozent und war Bürokaufmann. Schon direkt nach der Rehabilitation hatte ich angefangen mich zu bewerben, immer ohne Erfolg. Vier lange Monate dauerte es. Ich durchsuchte Tag für Tag die Zeitung und das Internet nach seriösen Stellenanzeigen und schickte dann immer Bewerbungen. Inzwischen war ich ALG II-Empfänger. Ich bekam einen so genannten 1-Euro-Job in einer gemeinnützigen Küche! Die Tätigkeit, die ich sechs Jahre zuvor beenden musste, sollte ich nun wieder machen und das nur, weil die Bearbeiterin meinen Werdegang kannte, aber nicht die Gründe für den Abbruch. Aber es machte Spaß, auch wenn ich mich jeden Tag quälen musste und große Beschwerden als Folge des Schlaganfalls hatte.
Aber ich gab nicht auf: Jede Woche rief ich die Firmen an, bei denen ich mich beworben hatte. Immer in der gleichen Reihenfolge. Ich wollte wieder im Büro arbeiten. Da lag meine Zukunft. Endlich erreichte ich bei einer Firma die zuständige Mitarbeiterin. Es war die Gebietsleitung von der ARWA Personaldienstleistungen GmbH. Sie teilte mir mit, dass die Stelle für die Sachbearbeitung bereits vergeben sei. Sie hätte jedoch noch eine Stelle zu besetzen als Personaldisponent. Ich wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Viele Fragen wurden gestellt, auch die, die ich nicht hören wollte: Warum haben Sie Ihre Prüfung später gemacht als geplant? Ich erzählte alles und sicherte zu, dass ich absolut einsatzfähig bin. Sie waren skeptisch. Ich war ein Risiko. Sie kannten mich nicht, versprechen kann man viel. Doch dann teilten sie mir mit: "Wir möchten es mit ihnen probieren." Aus der Erprobung wurde ein Arbeitsvertrag und aus der Skepsis der Gebietsleitung wurde Überzeugung, dass ich der Stelle gewachsen bin. Mit Härte und Ausdauer überzeugte ich.
Noch heute besuche ich den Sondershäuser Bildungsverein e. V. und auch das Unternehmen, das mir die Chance gegeben hat, Bürokaufmann zu erlernen. Heute jedoch, weil sie die Kunden meiner Niederlassung sind. Meinen nächsten Wunsch habe ich auch schon: Ich möchte meine Ausbildereignung vor der IHK ablegen und anderen Jugendlichen mein Wissen vermitteln, so, wie es andere bei mir einmal getan haben. Wann? Das weiß ich noch nicht, aber was ich weiß, dass ich es schaffen werde!
Mein Fazit ist: Man sollte sich im Leben Ziele setzen. Wenn ein Ziel erreicht ist, sollte man nicht aufhören nach neuen Zielen zu suchen. Man kann alles erreichen, man muss nur ehrgeizig sein und sich ein paar Prinzipien setzen und niemals brechen. Realismus gehört immer dazu. Mit dem Rückhalt von Familie, Freunden und Bekannten hat man genug Unterstützung. Der Weg ist das Ziel, manchmal erreicht man es direkt und manchmal über einen Umweg. Wichtig ist, dass man es erreicht.
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