Dreh jeden Stein um - schau hinter jeden Vorhang...!

Birgit Elias

Diplom-Sozialpädagogin und Anleiterin der Malergruppe an der Werkstattschule in Bremerhaven

Bremerhaven, 08.12.2008

Foto: Birgit EliasMeine Eltern waren neugierig auf die Welt und diese Neugier ist das Wichtigste, was ich von ihnen gelernt habe. Den Kopf wenden, hierhin und dorthin sehen, Fragen stellen. Aber auch: infrage stellen, nachbohren, wissen, anfassen und begreifen - das hat mich und meine Geschwister als Angebot und als Forderung durch die Kindheit begleitet. Ich kann mich auch an keine Zeit meiner Kindheit erinnern, die ohne Bücher gewesen ist. "Gute" Bücher, obwohl ich auch gern mal "kein gutes Buch" bekommen oder aus der Bücherei geholt hätte. Naturgemäß mussten meine Eltern später aushalten, dass sich diese Geisteshaltung dann auch gegen ihre Ansichten und Forderungen richtete. Das war für sie nicht immer lustig.
Meine Schulzeit ist mir in weiten Teilen eher blass in Erinnerung: sie hat mich meistens nicht gestört und ich habe meistens auch keinen gestört. "Schule" und ich kamen halt miteinander aus. Es war klar, was man voneinander erwartete. Mit Neugier und Selbststeuerung hatte das nicht viel zu tun. Spannung, Wachsein, Interesse verband sich für mich mit Personen und Situationen: einzelne Lehrerinnen und Lehrer, die für ein Thema begeistern konnten, auf der einen Seite, Konflikte wegen Ungerechtigkeiten auf der anderen Seite. Das "richtige" Leben fand außerhalb statt, auch wenn sich viele Kontakte natürlich über die Schule entwickelten.

Meine Eltern wären beide gern länger zur Schule gegangen, als sie es in der Nachkriegszeit durften, und hatten klare Erwartungen an mich: Das Kind macht Abitur. Das hat das Kind dann gemacht. Die Oberstufe erwischte mich im ersten Jahr der Neuordnung. Das bedeutete, große Wahlfreiheit im Kurssystem und eine noch nicht starre Struktur. Die Auflösung des Klassenverbundes bedeutete auch: mehr verschiedene Menschen (Lehrende und Lernende) und Lebensentwürfe kennen zu lernen in einer Zeit, in der auch außerhalb der Schulen vieles in Bewegung war. Was für andere eine Last war, war für mich ideal. Ich war allerdings bis zum Schulabschluss irgendwie nicht dazu gekommen, mir zu überlegen, was denn "aus mir werden" solle. Das verstärkte meinen Widerwillen gegen die allgemeine Erwartung, nun solle ich etwas "Ordentliches" studieren. Der Versuch, eine Ausbildung zur Industriekauffrau zu machen, währte kurz. Es war trotz des Engagements meiner Ausbilder einfach nicht spannend für mich. Ohne eigentlich zu wissen, worauf ich mich einlasse, schloss sich ein Praktikumsjahr in einer Einrichtung an einem sozialen Brennpunkt an: da hatte ich nun eine Lebenswelt, die ich noch nicht kannte und in der viele meiner Gewissheiten keinen Bestand hatten. Nach einem Jahr hatte ich so viele Fragen, dass ich mich für das Studium "Sozialwesen" entschied.
Wieder Glück: ein Studienplatz an einer Hochschule, die zu dieser Zeit viel Selbststeuerung und Gestaltung verlangte und zuließ, in der interdisziplinär und praxisbezogen gedacht und ausgebildet wurde und in der die aktuellen sozialen Bewegungen Raum hatten. Denken lernen auf verschiedene Art, mit anderen etwas aufbauen, ausprobieren, das Scheitern inbegriffen. Aus dem Praxisprojekt entwickelte sich ein Regionalbüro, in dem dann zwei Referentenstellen für politische Bildung entstanden - eine davon hatte ich. Jetzt wurde ich sogar dafür bezahlt, mich mit anderen in aktuelle Themen einzuarbeiten (und sie an die Frau und an den Mann zu bringen). Sieben Jahre lang eine gute Arbeit, Langeweile kam nicht auf.

Mit der Geburt meiner Tochter verband sich dann die Entscheidung, nach Bremerhaven umzuziehen. Mein Mann und ich wollten uns mit der Berufs- und Familienarbeit abwechseln. Nach dem Erziehungsurlaub suchte ich also einen Job. Wieder Glück: mit der Veränderung vom Jugendwohlfahrtsgesetz zum KJHG wurde in Bremerhaven die Inobhutnahme im Kinder- und Jugendnotdienst neu aufgebaut. Ich schaffte mich nach Jahren in der außerschulischen Bildungsarbeit in die Jugendhilfe hinein.
Weitere sieben Jahre später wurde es wieder Zeit für Veränderung. Wieder Glück: die Werkstattschule war noch im Aufbau. Hier verbinden sich die Bereiche Arbeit, Bildung und Jugendhilfe. Und Veränderung findet auch ständig statt, da ist noch lange nichts "fertig". Das muss wohl der Grund sein, warum ich meinen Sieben-Jahres-Rhythmus diesmal nicht eingehalten habe und immer noch hier bin.

Das Buch unterwegs: Hier finden Sie interessante Informationen zur Buchtour quer durch Deutschland.

Aus dem Buch der Bildungsrepublik