"Verborgene Schätze blitzen auf"
Das Programm "Jedem Kind ein Instrument" (JeKi) birgt Zukunftsmusik
Starke Töne, starke Kinder – dafür engagiert sich das Modellprojekt "Jedem Kind ein Instrument" seit Sommer 2009 an 61 Grundschulen in Hamburg sowie bereits seit 2007 an 641 Grundschulen in NRW. Wie sich das frühe Musizieren auf die Entwicklung der Kinder auswirkt, untersuchen begleitende, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierte Forschungsprojekte. Der Hamburger Projektleiter Theodor Huß über erste positive Erfahrungen mit JeKi.
Herr Huß, wie reagieren Grundschulkinder – besonders aus bildungsfernen Familien – wenn sie das erste Mal in ihrem Leben ein Musikinstrument in ihren Händen halten?
Foto: Theodor Huß
Am Anfang ist da viel Erstaunen und Bewunderung: das edle Material, die schöne Form, die filigrane Bauart. Dann kommt ganz schnell die Frage, wie das geht. Und schon bricht eine unglaubliche Experimentierlust los. Hier setzt dann der JeKi-Unterricht an. Man kann Kindern die Instrumente nicht einfach in die Hand drücken. Uns ist wichtig, dass ein Annäherungsprozess stattfindet, der schon zu ersten musikalischen Erlebnissen führt. Wenn man in eine Querflöte pustet, hört man nur "heiße Luft". Wie es richtig geht, habe ich in einer JeKi-Stunde erlebt: Zuerst sahen die Kinder vor allem den silbrig glitzernden Gegenstand in der Hand der Lehrerin, sie ließ ihn betrachten, betasten und die Kinder konnten durchgucken. Auf dem Tisch lagen die Kopfstücke für jedes Kind bereit. In kleinen Schritten hat die Lehrerin gezeigt, wie man überhaupt einen Ton da raus bekommt. Schließlich durften die Kinder ihr Kopfstück auf das Mittelstück stecken und einen richtigen Flötenton blasen. So wurde aus der ersten Annäherung schon ein erstes kleines Erfolgserlebnis.
Die Idee von JeKi ist, dass sich jedes Kind ein eigenes Instrument aussuchen darf, welches es - begleitet von einer Fachlehrkraft - spielen lernt. Welche Instrumente sind denn beliebter bei Kindern, die klassischen oder die exotischen?
Für die meisten Kinder sind alle Instrumente zunächst fremd und exotisch. Uns ist wichtig, dass die Kinder ihre Entscheidung für ein Instrument nicht unter dem Aspekt treffen: "Das ist besonders cool oder das hab ich mal im Fernsehen gesehen." Wir achten darauf, dass die Kinder ein Instrument für sich auswählen, zu dem sie eine innere Beziehung aufbauen können.
...und jedes Kind darf "sein" Instrument mit nach Hause nehmen?
Ja, jedes Kind erhält sein Instrument kostenlos ausgeliehen und nimmt es mit. Wir wollen, dass die Kinder zu Hause üben können. Wenn sie nur in der Unterrichtsstunde spielen, sind die Lernfortschritte so gering, dass das zu Frustrationen führt. Bei sehr großen Instrumenten wie dem Digitalpiano gibt es dann Präsenzinstrumente in der Schule. Manche Schulen organisieren den Kindern auch Übezeiten im Ganztagsbetrieb.
Was erhoffen Sie sich davon, wenn Sie mit JeKi Kinder früh ans Musizieren heranführen?
Wir wollen zum einen, dass mehr Menschen ein Musikinstrument lernen und glauben, dass mit der Vertiefung der musikalischen Kompetenzen auch eine Förderung von emotionalen, sozialen, motorischen und geistigen Entwicklungen möglich ist. Die Selbstwahrnehmung der Kinder wird durch die Möglichkeit der ästhetischen Äußerung differenziert und gestärkt, ihre Fähigkeit zur Teilhabe am kulturellen Leben entwickelt. Zum anderen sehen wir im Instrumentalspiel eine starke Verbindung von sehr individualisiertem Lernen mit vielen kooperativen Lernaktionen im gemeinsamen Musizieren, und nicht zuletzt die Möglichkeit einer attraktiven Schwerpunktbildung der Schulen.
Um wissenschaftlich zu dokumentieren, wie sich bei dem JeKi-Projekt das Musizieren konkret auf die Entwicklung und Leistung der Kinder auswirkt, finanziert das BMBF mehrere flankierende Forschungsprojekte. Gibt es schon erste Ergebnisse?
Diese Untersuchungen sind Längsschnittuntersuchungen. Das heißt, es wird der Ausgangszustand untersucht. Dann werden diese Kinder im Laufe ihrer Teilnahme am JeKi-Unterricht beobachtet. Zwischendurch und am Ende wird wieder getestet und untersucht: Was hat das für Auswirkungen gehabt? Was hat sich verändert? Wissenschaftliche Ergebnisse haben wir erst, wenn diese Endbeobachtung gemacht und ausgewertet wird. Die Finanzierung des BMBF ist entsprechend langfristig angelegt.
Eine Lehrerin sagte, seit wir JeKi anbieten, lesen und schreiben die Kinder besser, denn durch die Musik gingen die Laute besser ins Gehör. Welche Beobachtungen konnten Sie machen?
Ich habe kurz vor Weihnachten eine Schule für geistig behinderte Kinder besucht. Die Schulleiterin erzählte mir auf dem Weg zum Musikraum auch von den vielen Störungen in der Motorik und Wahrnehmung der Kinder und war begeistert, welche Vorsicht und Sensibilität diese Kinder im Umgang mit den komplexen Instrumenten entwickeln, welche Fingerfertigkeiten entstehen und wie sich die Körperwahrnehmung der Kinder verbessert. In der Gruppe gab es dann ein verblüffendes Ereignis: Die Kinder hatten Jingle Bells gesungen und mit Klängen illustriert. Ein Mädchen, das nicht sprechen konnte, kniete neben einem E-Bass auf dem Boden, es gelang ihm aber nicht, damit das Rumpeln des Schlittens nachzuahmen. Nach einiger Zeit fing das Mädchen an, beim Singen wie nebenbei auf dem Bass zu zupfen – und fand immer die richtigen Basstöne. Hier hat der JeKi-Unterricht einen kleinen verborgenen Schatz aufblitzen lassen.
Theodor Huß ist Musiklehrer und Projektleiter für JeKi beim Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg. Seit dem Start von JeKi in Hamburg zum Schuljahresbeginn 2009/2010 haben insgesamt 6.500 Grundschulkinder der Hansestadt an dem Modellprojekt teilgenommen und lernen ein Instrument ihrer Wahl. Das BMBF finanziert im Rahmen des JeKi-Forschungsschwerpunkts zwölf Projekte zur wissenschaftlichen Begleitung von JeKi in Hamburg und Nordrhein-Westfalen.
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Kommentare zur Bildungsnachricht
von Kirsten Salfeld | 26.12.2010
Sehr geehrte Damen und Herren, sind denn keine Grundschulen in Münster dabei, die das Programm anbieten?
Anm. d. Red.:
Sehr geehrte Frau Salfeld, in Münster startete das Programm "Jedem Kind ein Instrument" mit Beginn des Schuljahres 2010/11. Die Westfälische Schule für Musik bietet an fünf Grundschulen und in zehn Klassen das Programm "Jedem Kind ein Instrument" (JeKi) an. Sie ist damit eine von insgesamt 24 Musikschulen in Nordrhein-Westfalen, die aufgrund ihrer Bewerbungen vom Land NRW ausgewählt wurden, Jeki auch außerhalb des Ruhrgebietes zunächst als Modellprojekt durchzuführen. Bei den fünf Grundschulen handelt es sich um die Astrid-Lindgren-Schule in Gelmer, die Bodelschwinghschule in Münster-Mitte, die Michaelschule in Gievenbeck, die Marienschule in Hiltrup und die Paul-Schneider-Schule in Kinderhaus. Sollten sie weitere Fragen haben, können Sie sich gerne an uns wenden. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Redaktionsteam von Aufstieg durch Bildung
von Kai Bestmann | 22.11.2010
Wie beteiligt sich das BMBF denn KONKRET an JeKi und um welche Beträge handelt es sich hierbei? Ich lese hier nur etwas über "begleitende Studien", aber nichts über zum Beispiel Finanzierung von Instrumenten, Lehrmaterial, Lehrkräften o.ä.
Anm. d. Red.:
Sehr geehrter Herr Bestmann, vielen Dank für Ihr Interesse an dem Projekt JeKi. Das Projekt selbst wird beispielsweise in Nordrhein-Westfalen hauptsächlich durch die Kulturstiftung des Bundes und das Land Nordrhein-Westfalen finanziert. Einige Mittel kamen auch aus der Zukunftsstiftung Bildung in der GLS Treuhand e. V. und aus Kommunen und Spendengeldern. In Hamburg wird das Projekt durch den Senat finanziert.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert im Rahmenprogramm Forschung die wissenschaftliche Begleitung der beiden JeKI-Programme in Hamburg und Nordrhein-Westfalen. Im Rahmen des JeKi-Forschungsschwerpunkts finanziert das BMBF zwölf Forschungsprojekte über einen Zeitraum von vier Jahren. Hierfür stellt das BMBF jährlich eine Million Euro bis einschließlich 2013 zur Verfügung. Ein Schwerpunkt der Forschungsförderung ist unter anderem die Nachwuchsförderung im Bereich der Musikwissenschaft und Musikpädagogik. Über das rein wissenschaftliche Erkenntnisinteresse hinaus sollen die Ergebnisse in die Praxis überführt werden und zu einer kritischen Reflexion und Weiterentwicklung der JeKi-Programme beitragen. Mit freundlichen Grüßen, Ihr Redaktionsteam von Aufstieg durch Bildung




