"Wie man einen Regenbogen selbst erzeugt"
Rund 1.000 CyberMentorinnen verbessern bei Mädchen die Attraktivität von MINT-Berufen
Mathe ist doof - von wegen! Die Nachfrage von Schülerinnen an CyberMentorinnen wächst, mit denen sie sich via Internet über Perspektiven im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) austauschen können. Die Neuntklässlerin Birte Schmid und ihre Mentorin, die Physikerin Sina Riecke, bilden seit April ein Mentoring-Paar. Das E-Mentoring-Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.
Die Mentorin Sina Riecke ist 27 Jahre und promoviert in Physik am Ferdinand-Braun-Institut in Berlin.
Sie promovieren in Physik und helfen als CyberMentorin, Mädchen wie Birte Schmid für MINT-Berufe zu begeistern. Wer hatte bei Ihnen das Interesse für Physik geweckt?
Sina Riecke: Ich wollte schon in der Grundschule Astronautin werden. Irgendwann hab ich eingesehen, dass ich lieber die Ergebnisse auswerten will, die Astronauten mitbringen. Seitdem wollte ich Physik studieren. Mein Vater ist Ingenieur, der hat das natürlich unterstützt. Ich habe von meinem Umfeld viel positives Feedback bekommen.
In Deutschland liegt der Männeranteil in Berufen wie Elektrotechnik bei 91 Prozent, im Sozialwesen oder Fächern wie Germanistik dagegen der Frauenanteil bei 78 Prozent - im 21. Jahrhundert immer noch eine Frage von Rollenstereotypen?
Sina Riecke: Ich glaube, letztlich ist das persönliche Umfeld wichtig bei der Entscheidung für technische Berufe. Anders gesagt: Manche Mädchen brauchen tatsächlich Unterstützung, weil ihr Umfeld ihrem Interesse negativ gegenübersteht. Generell denke ich, hilft es den Mädchen, wenn sie sehen, dass ein naturwissenschaftliches Interesse ganz normal ist und ihnen auch viele interessante Berufschancen eröffnet.
Die Mentee Birte Schmid ist 14 Jahre und geht in die neunte Klasse des Gymnasiums Holstenschule in Neumünster.
Birte, seit diesem Jahr begleitet Dich die Physikerin Sina Riecke als Mentorin, um Dich auf ein Studium in einem naturwissenschaftlichen Fach vorzubereiten. Warst Du vorher schon an Physik interessiert?
Birte Schmid: Ich hatte mich schon lange auf die siebte Klasse gefreut, denn da bekamen wir das Fach Physik. Schon immer wollte ich wissen, wie die Dinge funktionieren. Als dann die erste Physikstunde um war, fand ich das Fach ziemlich beeindruckend, vor allem weil es so logisch ist. Am liebsten mag ich die Themen Optik und Akustik.
Allerdings scheint für die Mehrzahl der Mädchen in Deinem Alter das Image von Naturwissenschaft offenbar nicht besonders attraktiv!
Birte Schmid: Ja, ich frage mich auch oft warum. Oft sind die Jungen besser, weil sie überzeugter von sich sind als die Mädchen. Wahrscheinlich ist es auch so, dass man es den Mädchen nicht zutraut, und das glauben sie dann natürlich auch. Ich denke, man könnte Mädchen dafür begeistern, indem man auf sie zugeht und ihnen zeigt, dass MINT-Themen immer in ihrem Alltag vorkommen.
Du willst nach dem Abitur eventuell Physik studieren oder in Richtung Tontechnik gehen. Wie reagieren die Freundinnen?
Birte Schmid: Meine Freundinnen verstehen nicht, weshalb ich darüber nachdenke, denn sie mögen ja schon den naturwissenschaftlichen Unterricht in der Schule nicht. Deshalb können sie sich natürlich ein Studium erst recht nicht vorstellen.
Sie beide sind sich noch nie begegnet und tauschen sich vor allem über E-Mails aus. Wie kann so Begeisterung für Physik geweckt werden?
Sina Riecke: Birte und ich schreiben uns regelmäßig E-Mails und reden über Fachliches. Zum Beispiel wie Radioübertragung funktioniert oder ob Kommunikation mit Außerirdischen möglich wäre. Dann gibt es noch ein großes Forum auf der CyberMentor-Website, da werden alle möglichen Fragen diskutiert - von den aktuellen Stars und Sternchen, bis hin zu schwierigen naturwissenschaftlichen Fragen - da lerne ich auch selbst oft was! Wir reden aber auch viel über unseren Alltag. Ich glaube, das kann den Mentees auch viel helfen, weil sie sich so ein genaueres Bild von verschiedenen Berufen machen können.
Birte Schmid: Wir beide hatten uns im letzten Jahr über das CyberMentor-Forum kennengelernt. Zusammen haben wir einen Artikel für die CyberNews, die Internetzeitschrift bei CyberMentor, geschrieben - über Optik-Experimente, die man zu Hause machen kann. Da ging es zum Beispiel um den Bau einer Lochkamera oder wie man einen Regenbogen selber erzeugt. Ich habe die Experimente vorher zu Hause ausprobiert und mit Sina zusammen eine Erläuterung dazu geschrieben.
Eine Lochkamera bauen und erklären - für eine Neuntklässlerin klingt das sehr fortgeschritten...
Sina Riecke: Wir haben ganz verschiedene Mentees bei CyberMentor, das reicht von Kindern, die noch nie Naturwissenschafts-Unterricht hatten, bis hin zu Abiturientinnen, die schon ganz genau wissen, was sie wollen und konkrete Hilfestellung bei der Wahl eines Studienfachs oder einer Universität suchen.
Was hat das Mentoring Dir als Mentee bisher gebracht?
Birte Schmid: Man lernt so viel dadurch, kann sich mit vielen netten Leuten über verschiedene, interessante Themen austauschen. Außerdem kann man sich in das Programm sehr gut einbringen. Man wird aufmerksam auf Neues wie Wettbewerbe. Bei den organisierten Treffen kann man auch mal was Praktisches machen.
Und was ist im Moment geplant für Ihr Mentoring?
Sina Riecke: Birte hat erzählt, dass sie sich sehr für Chemie interessiert - vielleicht reden wir darüber ein bisschen mehr und gucken uns Experimente für zu Hause aus.
Birte Schmid: Das fände ich gut und wenn wir es schaffen, können wir vielleicht noch einen Artikel darüber schreiben?
Sina Riecke (lacht): Warum nicht? Von mir aus gern!
Das Projekt "CyberMentor - E-Mentoring für Mädchen im MINT-Bereich" ist Teil des Nationalen Pakts für Frauen in MINT-Berufen, der seit 2008 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit drei Millionen Euro im Jahr gefördert wird und zusammen mit Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft ins Leben gerufen wurde. Entwickelt wurde das CyberMentoring von den Universitäten Regensburg und Ulm. Es richtet sich an Schülerinnen der Klassen sechs bis zwölf, die Einblicke in technische Berufe und praktische Tipps zur Studienwahl suchen. Dafür gibt es gibt Online-Foren, den E-Mail-Austausch zwischen je einer Schülerin und ihrer Mentorin sowie Laborbesuche mit anderen Schülerinnen und ein Treffen am Arbeitsplatz der Mentorin. Die Partnerschaften dauern mindestens ein Jahr und können verlängert werden.




